Johann Sebastian Bach
Sonaten und Partiten für Violine solo
1994 spielte Stephan Stiens
für das Label academica als
Gesamtersteinspielung Bachs Violinsonaten und -Partiten
in einer
Fassung für Gitarre ein.
Ein ungewöhnliches Projekt konnte Stephan Stiens im Bach-Jahr 2000 in
der Münchner Lukas Kirche realisieren. Die Kontrastierung Bachscher
Werke mit Zeitgenössischer Musik.
Die Kunst der Fuge
Im Jahr 1747 begann J.S. Bach mit der Arbeit an einem groß
angelegten Fugenzyklus, dessen Urthema, in all seinen Varianten quasi
Keimzelle des Werks, ihn zu einem einzigartigen musikalischen Kosmos
inspirierte.
Die Umstände, angefangen bei Bachs Tod vor der Fertigstellung, der
fehlenden instrumentalen Widmung, der ungeklärten Fragen hinsichtlich
der Reihenfolge und nicht zuletzt der vom Komponisten in der letzten
unvollendet gebliebenen Fuge, angebrachte Namenszug B-A-C-H, führten zu
Legendenbildung, und in ihrer Summe zu einem unvergleichlichen,
musikalischen Mythos.
Die Interpretationsgeschichte der KUNST DER FUGE kennt u.a.
Aufführungen auf dem Cembalo, der Orgel, durch Orchester und
Streichquartett, Blockflöten- und Saxophonquartette, rein vocal und nun
zum ersten Mal durch ein Gitarrenensemble.
Die von Manfred Fleischmann erstellte Fassung, wurde vom Ensemble
GUITAR COMPANY unter der Leitung des
Münchner Gitarristen Stephan
Stiens zu einer Erstaufführung gebracht.
Hörbeispiele: Contrapunctus
1 (♫ 4:08), Canon
per Augmentationem in contrario motu (♫ 1:43)
Über die Kunst der Fuge
von Stephan Stiens aus Anlass ihrer Aufführung in der Fassung für
Gitarrenensemble im April 2006
Uns allen ist der Kanon ein Begriff. Der älteste erhaltene Kanon ist
der sogenannte englische „Sommerkanon“, der aus der Abtei zu Reading
stammt. Er dürfte um 1260 entstanden sein. Es folgten im 14.
Jahrhundert die französische „Chasse“, und die italienische „Chaccia“.
Beide mit Jagdszenen im Text mit sinnbildlicher Beziehung zum Fliehen
und Verfolgen der Kanonstimmen. Die Satztechnik und die Stücke werden
auch lateinisch „Fuga“ – Flucht – genannt. In seiner Hochphase im 15.
und 16. Jahrhundert galt der Kanon als besonderes Zeichen
kompositorischen Könnens.
Was nun folgt ist ein gedanklicher Zeitsprung vom 13. in das 20.
Jahrhundert. Vom englischen „Sommerkanon“ zur Uraufführung von
J.S.Bachs DIE KUNST DER FUGE. Sie fand am 26. Juni 1927 in der
Thomaskirche in Leipzig statt, mehr als 170 Jahre nach Bachs Tod.
Mit dieser Aufführung wurde das bedeutendste Werk kanonischen
Komponierens für das Klangleben unserer Zeit wiedergewonnen. Aus diesem
Grund hat der Bach-Forscher Walter Kolneder das Werk als „Mythos des
20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Man geht heute davon aus, dass Bach um
1747, also 3 Jahre vor seinem Tod mit der Arbeit an diesem groß
angelegten Fugenzyklus begonnen hat. Ihm liegt eine einzigartige Idee
zugrunde, nämlich aus einem Thema das musikalische Material für ein
ganzes, in der uns vorliegenden Fassung 20 Einzelstücke umfassendes
Werk zu entwickeln. Eine Idee, die daran erinnert, dass der deutsche
Komponist Karlheinz Stockhausen die Musik zu seinem Musiktheaterzyklus
„Licht“ aus einer musikalischen Superformel entwickelte.
Bach schuf auf der Grundlage der Kanonfuge und der daraus von ihm zu
höchster Kunst geführten Fugen und Variationstechnik, ein Werk von
unerhörter Dichte. Der musikalische Kosmos der 20 Fugen und Kanons
spiegelt dabei die gesamte Kompositionserfahrung und nicht weniger
wichtig, Lebenserfahrung des alten Meisters Bach wider. Ohne
äußerlichen Anlass oder gar Auftrag komponiert, wurden zu seinen
Lebzeiten 11 der 20 Titel gedruckt, der Rest fand sich als Manuskript
im Nachlass, wobei die letzte Fuge unvollendet vorgefunden wurde. Die
Umstände, angefangen bei Bachs Tod vor der Fertigstellung, der
fehlenden instrumentalen Widmung, der ungeklärten Fragen hinsichtlich
der Reihenfolge, und nicht zuletzt, der vom Komponisten in der letzten,
unvollendet gebliebenen Fuge, im neu vorgestellten Thema angebrachte
Namenszug B – A – C – H, diese Umstände führten zu Legendenbildung, und
in ihrer Summe zu einem unvergleichlichen, musikalischen Mythos.
Zwei Begriffe können helfen dem Wesen dieser Musik näher zu kommen. Zum
einen ist es das Wagnis der Rückhaltlosigkeit, und zum anderen das
Wagnis der Freiheit. Den ersten Begriff hat Hans Heinz Stuckenschmid im
Zusammenhang mit dem Werk von Arnold Schönberg und der daraus
resultierenden musikalischen Revolution geprägt.
Auch Bach arbeitete ohne Rückhalt: Kein Auftrag, kein
Aufführungstermin, das Komponieren von Kanons und Fugen galt zu dieser
Zeit schon als altmodisch und verzopft, ja nicht einmal die
Zuschreibung an ein oder verschiedene Instrumente war ihm wichtig, was
zählte, war einzig und allein der innere Schaffenswille – rückhaltlos.
Besonders berührt, auf welchem Weg Bach zu musikalischer Freiheit
gelangte. Im nur scheinbar gegensätzlichen Ineinanderfügen von strenger
Form – Kanon – Fuge – und grenzenloser musikalischer Fantasie und
Gestaltungskraft.
Stellvertretend seien hier zwei Titel erwähnt: Der Contrapunctus Nr. 8
und der Canon alla Decima Contrapuncto alla Terza. Der Contrapunctus 8
ist nur für 3 Stimmen geschrieben, eine Beschränkung der äußeren
Mittel. Ausgangspunkt sind zwei neue Themen, chromatisch geprägt und
das variierte Hauptthema. Ein an Beethoven gemahnendes, wütendes
bildhauerisches Abarbeiten an den Themen verbindet sich scheinbar
mühelos mit Mozartischer Leichtigkeit in den Melodien der
Zwischenspiele zu einem Satz von bestürzend moderner rastloser
Expressivität.
Im Gegensatz zu strengster Kanonform, für zwei Instrumente,
hochartifizierter Rhythmik und einer wie frei schweifend wirkenden
Melodik, gelangt Bach im Canon alla Decima Contrapuncto alla Terza zu
einem ebenso modern wirkenden Aussage. Mobileartig miteinander
verbunden, scheinen die Töne frei im Raum zu schweben.
Bachs fehlende instrumentale Zuschreibung führte in der
Aufführungspraxis zu unterschiedlichen Lösungen. So kennt die
Musikgeschichte Aufführungen in diversen Besetzungen, natürlich an
Orgel und Cembalo, durch Streichquartette und nun eben auch durch ein
Gitarrenensemble. Bachs Reise in die reine Welt der Töne und ihre
Beziehung zu einander, lädt uns zum Hören und Verweilen ein.