Gesang
Seit 1998 arbeitet Stephan Stiens mit dem Bariton Wolf Matthias
Friedrich zusammen. Den Liederzyklus DIE STIMMEN nach Gedichten von
Rilke, komponiert vom südafrikanischen Komponisten Hans Huyssen,
brachten sie im Münchner Gasteig zur Uraufführung.
1999 folgten Konzerte mit dem Liederzyklus DIE SCHÖNE MÜLLERIN von
Franz Schubert mit der von Stephan Stiens transkribierten
Gitarrenbegleitung (♫
2:44:
5. Am Feierabend).
Das Jahr 2001 führte den Tenor Kobie
van
Rensburg und Stephan Stiens
zusammen. Das Lautenlied der Elisabethanischen Epoche, sowie
Volkslied-Arragements für Gitarre und Tenor von Britten, Brahms, Seiber
u.a. bilden den Schwerpunkt ihres Repertoires.
Die schöne Müllerin
von Stephan Stiens
Die Liednovelle "Die schöne Müllerin" von Franz Schubert, wurde neben
der "Winterreise" explizit als Liederzyklus konzipiert. Übrigens waren
bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein Aufführungen eines gesamten
Liederzyklus selten, stattdessen wurden einzelne Lieder oder auch
Gruppen von Liedern als Teil eines Liederabends vorgetragen. Hierin
kommt etwas zum Ausdruck, was die Rezeption der Schubertschen Werke bis
in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein prägte; das fast schon
konsequente Missverstehen seiner kompositorischen Intentionen und
seines Genies. Dies ging allerdings einher mit einer stetig wachsenden
Beliebtheit, ja Popularität seiner Werke, insbesondere seiner Lieder;
galt und gilt er doch - trotz der Beatles - als „Der Liederkomponist“
schlechthin. Dies war die Position, die man ihm neben dem scheinbar so
übermächtigen L.v.Beethoven zugestand.
Erst viel später setzte sich die Erkenntnis durch, welches
Jahrhundertgenie in diesem "etwas linkisch wirkenden, bebrillten
Dickkopf" steckte.
Die lyrische Vorlage zu "Die schöne Müllerin" stammt von dem Dichter
Wilhelm Müller. Sie erschien 1821 in Dessau in einem Gedichtbändchen
mit dem Titel: „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines
Reisenden Waldhornisten“ herausgegeben von Wilhelm Müller. Das Bändchen
wird mit dem „Müllerin“ Zyklus eröffnet, die Figuren der schönen
Müllerin und des Müllers als verschmähten Liebhaber waren keine
Erfindung des Dichters Wilhelm Müller, sondern lagen gleichsam als
Versatzstücke in der literarischen Luft.
Eichendorff, Brentano, Rückert und sogar Goethe haben die "Schöne
Müllerin" in Versen besungen. Elmar Budde schreibt hierzu: „Im frühen
19. Jahrhundert galt die Vorliebe für diesen Stoff wohl über Müllerin –
Bach und Mühlenidylle hinaus, der Figur des Müllerburschen, in der sich
Naturnähe und Ungebundenheit beispielhaft verbinden. Nicht
Sesshaftigkeit ist ihm eigen, er schaut dem Bache nach, denn ihn drängt
es in die Ferne, der Bach ist sein Gefährte und Wanderkamerad. So kann
es nicht verwundern, dass des Müllerburschen Versuch, sesshaft zu
werden, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Die Absage der
Müllerin, die ja des Müllers Tochter, also die Tochter eines
vermögenden Vaters ist, bedeutet mehr als ein „ich liebe dich nicht“,
es ist die Absage an einen Menschen, dessen Ungebundenheit sich nicht
den alltäglichen Normen fügt. Der konkurrierende Jäger stellt gegenüber
dem Müllerburscher jene Person dar, deren gesellschaftliche Reputation
nicht in Zweifel gezogen werden kann; dass die Müllerin sich ihm
zuwendet, ist also durchaus einzusehen. Dennoch ist es der
Müllerbursche, der die Zuneigung der Zeitgenossen findet; denn er ist
es, der jene Ungebundenheit beispielhaft vorlebt, die dem Bürger
verwehrt ist. Der Traum vom Müllerburschen ist darum zugleich auch der
Traum von einem anderen, ungebundenen Leben.“
Man vermeint in der Beschreibung des literarischen Stoffes eine Art
Psychogramm des Franz Schubert herauszuhören, dessen Leben in äußerster
Anspannung zwischen innerer Ungebundenheit, innerem Anderssein und
äußerem Unverstandensein verlief, nur dem Schaffensdrang gehorchend,
bis zur äußersten existenziellen Konsequenz.
Staunen lässt einen, wie Schubert sich die Texte angeeignet hat.
Keinesfalls schreibt er nur eine einfache Vertonung – nein – mit der
unendlichen Vielfalt ihrer Klangbildungen, Modulationen, Figuren,
Charaktere usw. reagiert seine Musik auf die Sprache.
Das „Wandern“ ist für ihn eine Metapher der menschlichen Existenz.
Gleich im ersten Lied sprechen Gedicht und Musik vom Wandern als dem
Lebensprinzip des Müllers. Der Bach sagt ihm, wohin die Wanderung geht,
nämlich zur Mühle, wo er Arbeit und Lohn findet. Aber der Bach spricht
auch von den Nixen, die „tief unten ihren Reih’n“ singen. Beim Anblick
der Mühle endet die Wanderung mit einem abrupten „Halt“.
Nun entfaltet sich die Liebesgeschichte zwischen dem Müller und der
Müllerin, von anfänglicher Hoffnung und Euphorie bis hin zu Depression
und dem tragischen Ende des Müllers. Die Müllerin entscheidet sich für
den Jäger als die bessere Partie, und der Müller entschließt sich,
seinem Leben ein Ende zu setzen. Er ertrinkt im Bach. Der Bach als der
Wandergeselle, der dem Müller von Anfang an den Weg gewiesen hat, nimmt
den Müller in seine erlösenden Arme auf.
Vor dem Hintergrund der Entstehungszeit der Komposition, die Schubert
in existenzieller Not und schwerer Krankheit zubrachte, fasziniert
seine schier übermenschliche Fähigkeit zur künstlerischen Sublimierung
und Objektivierung; denn dieser Stoff ging sicher auch ihm nahe.
Die Fassung für Bariton und Gitarre, folgt einer Tradition, in der die
Gitarre auch von Franz Schubert selbst, als Instrument empfindsamer
Begleitung in häuslichen Rahmen genutzt wurde. Um den Substanzverlust
der zeittypischen, romantischen Arrangements auszugleichen, habe ich
eine technisch wie musikalisch höchst anspruchsvolle Transkription
erstellt, die der Klangfarbe des Wiener Hammerklaviers näher steht, als
der moderne Konzertflügel.